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Aitmatow - Der große Kirgise

Von FRIDTJOF KÜCHEMANN, 06.03.07, 15:30h, aktualisiert 06.03.07, 15:59h

Tschingis Aitmatows "Schneeleopard" erzählt von der Globalisierung in Zentralasien. Eine Begegnung in Brüssel, wo der Autor als Botschafter seines Landes amtiert. Aitmatow liest am 9. März auf der lit.Cologne.

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Tschingis Aitmatow

Der Botschafter ist aufgehalten worden. Die Minuten verstreichen, während auf den Tischchen der Sitzgarnitur am Fenster Kekse, Knabbereien und Knäckebrot aufgehäuft werden, während die Zeiger der silbernen Kaminuhr vorrücken und immer mal wieder jemand hereinschaut, ob der Gast noch da ist. Dann wird es leise in den Eingangsräumen des kleinen Botschaftsgebäudes in der Rue de l´Abbaye. Schritte, schwerer als alle die zuvor, kommen über die Marmorfliesen, und Tschingis Aitmatow steht in der Tür, in Mütze und Mantel, frisch vom Brüsseler Nieselregen hereingeweht. "Guten Tag", sagt der bald achtzigjährige Autor mit Augenzwinkern auf Deutsch, dann "five minutes" und ist schon wieder verschwunden. Schließlich nehmen wir doch in der Sitzgruppe am Fenster Platz, Aitmatow lässt sich einen Milchkaffee einschenken, beißt in ein Knäckebrot und blickt erwartungsvoll. Es kann losgehen.

Auch der Schriftsteller Aitmatow ist aufgehalten worden. Michail Gorbatschow hatte ihn 1989 zu seinem Berater gemacht, im Jahr darauf wurde er sowjetischer Diplomat, seit 1995 ist er Botschafter Kirgisistans für Nato und EU, Frankreich und Belgien. Vor 13 Jahren ist sein bislang letzter Roman, "Das Kassandramal", erschienen. Jetzt hat der Zürcher Unionsverlag einen neuen Aitmatow angekündigt: Mitte März erscheint "Der Schneeleopard" auf Deutsch, ein Roman, mit dem der große Kirgise, der 1958 gleich mit seinem ersten Buch, "Dshamilja", Weltruhm erlangte, einmal mehr den Spagat zwischen den mythischen Überlieferungen und den Gegenwartsproblemen seines Landes wagt.

Arsen Samantschin, ein Journalist mit hehren Idealen, großer Vergangenheit und sinkender Beachtung, soll dem Onkel im heimatlichen Gebirgsdorf einen Dienst erweisen. Der ist als Jagdreiseveranstalter tätig, und zwei arabische Prinzen haben sich angesagt, um in den Bergen den sagenumwobenen - und vom Aussterben bedrohten - Schneeleoparden zu jagen. Arsen wird als Übersetzer und Gastgeber gebraucht und gerät zwischen die Fronten: Ehemalige Schulkameraden, als Treiber bei der Jagd eingeplant, wollen die Prinzen als Geiseln nehmen und 20 Millionen Dollar erpressen. Eine Summe, die den Arabern bestimmt gar nicht weiter auffällt, die fünf Verschwörer und Arsen hätten allerdings jeder mit seinem Anteil ausgesorgt, wie die entschlossenen Schulfreunde dem Entsetzten vorrechnen.

Universelle Käuflichkeit, Geldflüsse über Kontinente, Hoffnungslosigkeit und Extremismus - mit "Der Schneeleopard" sind die Schattenseiten der Globalisierung auch literarisch in den Hochtälern Zentralasiens angekommen. "Ich bin bestimmt kein Globalisierungsgegner", sagt Tschingis Aitmatow und nimmt einen Schluck Kaffee. "Es ist eine logische geschichtliche Entwicklung, die wir im Augenblick durchmachen. Aber ich möchte zeigen, wie sich die Globalisierung sogar auf die Bewohner eines kleinen Bergdorfes in Kirgisistan auswirkt - nicht nur, was das große Ganze betrifft, sondern bis in die persönlichen Verhältnisse hinein, sogar bis in die Tierwelt."

Dabei scheut sich Aitmatow nicht, ein durchaus beunruhigendes Bild seiner Heimat zu zeichnen: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer tiefer, die Stadt ist in der Hand zynischer Oligarchen, im Dorf lässt sich nur noch mit dem Ausverkauf der Natur Geld verdienen, ehemalige Lehrer und Bibliothekare schlagen sich jetzt als fliegende Händler durch, und ein Afghanistan-Veteran geht notfalls auch über die Leichen seiner Freunde. "Der Hauptgrund für die Herausforderungen unserer Zeit", sagt Aitmatow, "für die Übel unserer Zeit - Extremismus, Terrorismus -, ist Armut. Armut, Arbeitslosigkeit und mangelnde Bildung, ungelöste soziale Probleme. Das wollte ich zeigen."

Der Autor holt Luft. "Die Frage, die hinter alldem steckt, ist natürlich: Wie können wir diesen Prozess überleben? Wie können wir eine Situation ändern, in der sich der eine ein ganzes Fußballteam kaufen kann und der andere nicht einmal Schuhe für seinen Sohn? Solche Fragen klingen gleich wie eine Deklaration. Dabei gibt es sie wirklich. Und es sind drängende Fragen. Man kann sie natürlich nicht in einem Roman diskutieren, aber ich bin froh, dass mein Roman eine Diskussion dieser Fragen in meinem Land angestoßen hat." So ist "Der Schneeleopard" ein Buch der Hoffnungslosigkeit: Geld, und zwar das schnelle Geld, regiert, hat sich in jede Beziehung gefressen. Und Arsen Samantschin ist ein Ausgestoßener wie der mächtige alternde Schneeleopard - ein einstiger Rudelführer, dessen Fährte Aitmatows Roman von der ersten Seite an durchzieht und dessen Weg den Arsens am Ende des Buches auf dramatische Weise kreuzt.

Wie in so vielen Büchern zuvor, hat der kirgisische Autor dem Wahn und den Wahrnehmungen des Menschen die eines Tieres gegenübergestellt, und wie in so vielen seiner Bücher bildet ein kirgisischer Mythos das moralische Gegengewicht zur eigentlichen Geschichte. In "Der Schneeleopard" ist es die Geschichte der "Ewigen Braut": Kurz vor der Hochzeit hört ihr Geliebter, sie sei mit einem anderen geflohen. Statt sich an ihr zu rächen, zieht sich der Bräutigam tief verletzt in die Berge zurück. Die Braut erfährt von der Intrige - und reitet bis heute durch die Berge, in verzweifelter Suche nach ihrem Bräutigam. Und bis heute entzünden die Kirgisen nächtliche Feuer für die Ewige Braut. Sie halten symbolisch ein gesatteltes frisches Pferd für sie bereit, damit sie ihre Suche fortsetzen kann: ein Zeichen der Verehrung und der Reue, stellvertretend für die intriganten Neider in der Geschichte. Ein Moment der Besinnung.

Und im Grunde eines der großen Motive Aitmatows: "Im Mythos der »Ewigen Braut» geht es natürlich darum, die Leiden des Verlusts nicht zu vergessen", sagt der Autor, "im Kampf des Guten mit dem Bösen. Manchmal gewinnt eben das Böse." Und manchmal kommt es letztlich nicht zum Zug, weil sich ihm ein Selbstloser in den Weg stellt - wie in seinem neuen Roman.

Tschingis Aitmatow und Galsan Tschiang lesen im Rahmen der lit.Cologne am 9. März um 19.30 Uhr in der Flora in Köln-Riehl. Karten 12 Euro im Vorverkauf, Abendkasse 15,50. Das komplette Festivalprogramm gibt es online.

www.litcologne.de

Tschingis Aitmatow: "Der Schneeleopard" ,deutsch von Friedrich Hitzer, Unionsverlag, 320 Seiten, 19,90 Euro. Ab 15. März

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