DER SCHNEELEOPARD-DAĞLAR DEVRİLDİĞİNDE

 




Tschingis Aitmatow

 

Der Schneeleopard

 


Die Zeit der Märchen ist vorbei.

erstellt am 25.06.2008, von dahi.koch@gmx.net

Einführung:

Vom kürzlich (10-06-08) verstorbenen Schriftsteller Tschingis Aitmatow habe ich das Werk „Der Schneeleopard“ gelesen. Ein großes, fiktives Epos um den freien Journalisten und Idealisten Arsen Samantschin im heutigen Kirgistan, seine große Liebe, und seine Verbundenheit mit dem Schneeleoparden Dschaa-Bars, der, wie Arsen selbst, verstoßen ist und seines Lebens müde. Auf wundersame Weise finden sie zusammen in einer schweren Zeit.

Das dramatische Epos kritisiert das Russland der heutigen Tage.



Story:

Arsen, der Idealist und Dschaa-Bars, der Schneeleopard. Für beide scheint die Zeit abgelaufen zu sein.

Arsen Samantschin, unabhängiger Journalist, Idealist, und Außenseiter, ist verzweifelt. Er hat seine große Liebe verloren, Aidana. Durch seinen Idealismus ist er im Russland der heutigen Tage nicht mehr gefragt. Was zählt, ist die Macht und der Hunger nach Erfolg und Geld.
Aidana hat sich diesen Werten verschrieben, wurde von Ertasch Kurtschal, einem Oligarchen und Herrscher über alle Medien gekauft.
Sie hat sich von Arsen abgekehrt, dessen großer Traum es war, sie auf der Bühne zu sehen, in einer Oper über die große, kirgisische Sage der „ewigen Braut“. Doch sie wird niemals sein Libretto singen.

Er findet sich ausgestoßen von der Gesellschaft, langsam wahnsinnig werdend in seiner Wohnung wieder, Rachepläne hegend.
Doch das Schicksal hat anderes mit ihm vor: sein Onkel Bektur-Aga, Chef einer Jagdfirma bittet ihn, als Experte der englischen Sprache bei einer Jagd auf Schneeleoparden als Dolmetscher zu dienen. Reiche arabische Prinzen haben sich angekündigt. Arsen sagt zu und dient als Tourmanager und Übersetzer.
Doch nicht alle in Dorf, seiner Heimatstätte, wollen hinnehmen, dass es so wenige Gewinner gibt und so viele Verlierer.

Und in einer überraschenden Wendung finden Arsen und Dschaa-Bars zusammen.



Der Autor:

Tschingis Aitmatow gehört zu den bekanntesten Autoren der Sowjetunion. Er wurde 1928 im Dorf Sheker, Kirgisien, geboren. 1946 ging er an die Technische Hochschule in Dshambul, um Veterinärmedizin zu studieren. 1958 entstand seine Erzählung Dschamilja, eine der „schönsten Liebesgeschichten der Welt“ (Louis Aragon). Er schrieb Romane und Erzählungen und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet (Leninpreis, Staatspreis der UdSSR, Friedrich-Rückert-Preis, Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur).



Schreibstil:

Etwas gewöhnungsbedürftig. Oft handelt es sich bei den Gesprächen um halbe Dialoge, es wird gern in den Zeiten gesprungen. Gedankensprünge sind an der Tagesordnung. Satzteile werden durcheinandergeschmissen. Hier und dort wird ein Satz mal nur halb ausgesagt, dann fängt ein anderer an. Am Anfang nervt das sehr, aber es ist auch interessant und macht neugierig, weil es etwas völlig anderes ist.
Erinnert mich ein wenig an Kafka, allerdings hat es Aitmatow besser drauf. Anders als Kafka kann er mich mit diesen Satz- und Gedankensprüngen fesseln.
Außerdem springt Aitmatow zwischen den beiden Leben und Schicksalen, zwischen Dschaa-Bars, dem Schneeleoparden, und Arsen, dem abgestoßenen Journalisten, hin und her. Damit sollen die Schicksale miteinander verknüpft werden. Sie hängen beieinander. Sie teilen dasselbe Schicksal. Sie sind beide verstoßen. Das wird durch den Schreibstil klar.



Aufbau des Buches:

Die Geschichte ist verschlungen und verwoben. Es wird das Schicksal von Arsen beleuchtet, und das Schicksal von Dschaa-Bars. Verschiedene Handlungsstränge findet man. In Erinnerungssequenzen wird die Vergangenheit der beiden Hauptcharaktere beleuchtet. Die Schicksale verschiedenster Personen werden angesprochen. Ansonsten ist die Geschichte fließend. Sie spitzt sich zu auf das Zusammentreffen mit den arabischen Prinzen, und dem Zusammentreffen von Arsen und Dschaa-Bars.

Danach findet man einen Epilog, in dem die Kurzgeschichte „Töten und Nicht-Töten“ von Arsen Samantschin zu lesen ist, eine Geschichte über den Krieg und einen naiven, unschuldigen Jungen, der Soldat wird.
Und ein Nachwort von Elesa, Arsens zweiter großer Liebe.



Charaktere:

- Arsen Samantschin: Idealist, unabhängiger Journalist, sinniert gerne über die Liebe und die Ekstase im Moment der Vereinigung als aufblitzende Ahnung von Ewigkeit inmitten eines sündigen Erdenlebens. Hat den Traum, eine Oper über die Sage der „ewigen Braut“ zu komponieren, doch seine Geliebte Aidana lässt ihn sitzen.
- Dschaa-Bars: der Schneeleopard. Wie Arsen selbst verstoßen aus seinem Rudel, verlassen von seiner Barsin, seiner Schneeleopardin, die einen anderen gefunden hat. Er will den Pass überqueren um in Ruhe sterben zu können.
- Aidana Samarowa: die ehemalige Geliebte von Arsen. Hat sich von Ertasch Kurtschal einkaufen lassen. Sie feiert als Popstar Erfolge. Aber nur, weil ihre Eltern arm sind und sie ihnen helfen möchte. Sie selbst will nicht Popstar sein, doch die Idee einer Oper ist ihr zu utopisch. Sie sitzt im goldenen Käfig, und kann nicht raus.
- Ertasch Kurtschal: der Oligarch. Arsens schlimmster Feind. Er hat seine Aidana genommen. Ertasch Kurtschal verfügt über die Macht über jegliche Medien in seiner Heimat und außenrum.
- Bektur-Aga: der Onkel, Besitzer der Jagd-Firma. Verspricht sich großen Gewinn durch die Jagd auf die Schneeleoparden mit den arabischen Prinzen.
- Elesa: Arsens zweite, große Liebe. Ebenso Idealistin wie Arsen, liebt die „ewige Braut“ und fühlt sich mit ihr verbunden. Eine fliegende Händlerin. Sie hat studiert, aber verdient nicht genügend Geld. Sie ist auf das Nebeneinkommen angewiesen.
- Oschondoi: der Restaurant-Besitzer, der ihn auf Wunsch von Ertasch Kurtschal aus dem Restaurant Eurasia herausgeschmissen hat und Arsen dazu verleitet hat, ein volles Wasserglas gefüllt mit Wodka in einem Schluck leer zu trinken.
- Taschtanafghan: ehemaliger Schulfreund Arsens. Zwingt Arsen dazu, die Jagd zu sprengen und mit ihm und 4 weiteren Männern die arabischen Prinzen als Geiseln zu nehmen um 20 Mio. Lösegeld zu kassieren.



Worterklärungen:

Viele fremde Wörter aus dem kirgisischen werden verwendet, die im Buch vorkommen. Das kann einen leicht verwirren, deswegen schreibe ich hier einen Anhang mit Worterklärungen für alle, die das Buch irgendwann lesen wollen.

- Aidana: Angepflanztes, auch Augapfel (der Name von Arsens großer Liebe)
- Ail: Aiyl, auch Aul, Dorf, entstanden aus Jurtensiedlungen
- Aksai: Zugewachsenes, Verwachsenes, wörtlich: weißer Fluss
- Aksakal: Ältester, ehrwürdiger Graubart
- Aksuisk: von „Aksai“
- Akyn: Volkssänger der Turkvölker
- Arsen: von Ars, Hermelin (Name des Hauptprotagonisten)
- Aryk: Graben, Kanal zur Bewässerung in Mittelasien
- Aulje-ata: Heiliger Vater
- Bajaly: Männlicher Name, bedeutet: reich
- Balabasch: Kind-Kopf
- Barytma: Lösegeld
- Bektur: männlicher Name, bedeutet: leb gut, leb wohl
- Birgelesch: gebildeter Unterhalter, Gesellschafter
- Borbi: männlicher Name, bedeutet: mutig (von Wölfen geboren)
- Dastorkan: Tischdecke, auch gedeckter Tisch für die Gäste
- Dschailoo: Weidegründe im Hochgebirge für Sommerlager der Nomaden
- Dschanarbek: männlicher Name, bedeutet: Licht des Seins
- Dschesde: Schwager, Anrede des Ehemanns der älteren Schwester
- Dschoro: nach dem Manas-Epos, entspricht dem deutschen Ritter
- Egemen: Unabhängiger
- Ertasch: Denkmal aus Stein
- Hakan: wie Kagan, Khan, Stammesoberhaupt der Turkvölker
- Itibai: Mann mit reichem Hund
- Kaditscha: weiblicher Name, bedeutet: die Reine (aus dem Arabischen)
- Kulan: kleinwüchsiges Pferd der mongolischen Rasse Przewalski
- Kalpak: männliche Kopfbedeckung aus Flies und mit Samt bearbeitet
- Kolomto: Tollpatsch
- Khansaada: aus dem Persischen – „aus dem Stamm des Khans“
- Kultai: Knecht
- Kumasch: männlicher Name, bedeutet: Schaumschläger
- Kurtschal: Einschnürer
- Mergen: Jagdschütze (Name der Jagdfirma)
- Mytschal: Wortspiel zu Kurtschal: Festkraller
- Oroskul: männlicher Name, bedeutet: Hahn im Korb
- Oskon: gewachsen, eigentlich: Öskön
- Saksan: männlicher Name, auch: achtzig
- Salidschan: männlicher Name
- Samantschin: russischer Familienname, auch Genitiv von Schnitter (Familienname von Arsen)
- Samarowa: vom Namen der Stadt an der Wolga, auch: langes Gewand (Nachname von Aidana)
- Schamalbasch: Leichtsinniger, Wind im Kopf
- Schandos: eigentlich Schandosch, der Angeber
- Schykysch: auch Schylkusch, der Versager
- Seinep: weiblicher Name
- Som: Währung in Kirgistan
- Sum: Währung in Usbekistan
- Tolmatsch: Dolmetscher
- Tschoku: Berggipfel
- Tschulgan: umhüllt mit Stoff
- Tujuk Dschar: Ortsname, bedeutet: Sackgasse, Ende des Weges
- Tümen: Ungezähltes.



Leseprobe:

Kapitel 1:

Jeder Kreatur bleibt das eigene Schicksal verschlossen. Niemand weiß, was ihm bevorsteht. Erst der Gang des Lebens zeigt an, was uns von Geburt an vorbestimmt ist, sonst gäbe es das Schicksal nicht. Dennoch lebt in uns die Sehnsucht, die Rätsel zu entschlüsseln, die uns umhüllen. So ist es seit anbeginn der Schöpfung, seit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Seit dem ersten Menschepaar ist es so gefügt. Von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde...

Auch dieses Mal vollzog sich das Unausweichliche jenseits menschlicher Vorstellungskraft und, einmal vollzogen, vielleicht auch jenseits göttlicher Absichten.

Wer es dennoch begreifen wollte, hätte versuchen können, ein Horoskop der betroffenen Wesen zu erstellen, vielleicht waren sie ja kosmische Verwandte, die unter einem verbindenden Sternzeichen das Licht der Welt erblickt hatten. Vielleicht gingen sie darum diesen Schicksalsweg, so und nicht anders, aber wer weiß das schon...
Freilich wussten die beiden nichts voneinander und erst recht nicht, wie sie auf Erden zusammenhingen. Der eine lebte in einer modernen Stadt, einem dicht bevölkerten Flecken Erde, wo sich Märkte ausbreiten und Schaschlikrauch durch die Straßen weht; der andere aber hauste hoch in den Bergen, in wilden, felsigen Schluchten, unter dicht verwachsenen Büschen des Sade-Wacholders, wo Schnee die Schattenhänge das halbe Jahr über bedeckt. Deshalb hieß er auch Schneeleopard, und in der Wissenschaft übers Hochgebirge nannte man ihn Tienschan-Schnee-Bars von der Gattung der Leoparden und der Familie der Großkatzen, zu denen auch die Tiger gehörten. Das Volk in der Gegend nannte ihn Dschaa-Bars – Pfeil-Bars-, was treffend seiner Natur im Moment des Sprungs entspricht. Besonders vertraut klang es, wenn man vom Kar-Ketschken-Ilbirs sprach, was der Bis-zur-Brust-im-Schnee-Gehende bedeutete. Auch das entspricht der vollen Wahrheit. Andere Kreaturen suchen die Bergpfade, wo ihnen keine Schneewehen drohen, aber der Kar-Ketschken-Ilbirs pflügt querfeldein... er ist reine Kraft und Stärke.

Kapitel 2:

„Genau das brauchen wir und holen das Letzte aus der Musik, bis euch Hören und Sehen vergeht. Mixt Gott und Sex und alles, was euch Spaß macht, lasst es schäumen und spritzen, und schlürft es runter. Uns solls recht sein, wir vermarkten die Platten, Kassetten, CDs und DVDs. Da stapeln sich Rubel, Dollars, Som und Sum auf unsren Konten. Man beschimpft uns als Liberale und Neureiche, kein Problem, sollen sie schimpfen. Lieber neureich und liberal als arm und humanistisch. Uns hält nichts auf. Die Show zählt, aufs Bisnes kommt es an.“



Abschließende Meinung:

„Wem ist was auf dieser Welt bestimmt? Genau darum geht es: Wem ist was bestimmt? Das war schon immer die Frage, und wird es bleiben. Niemand kann ihr entrinnen. In Erwartung des Schicksals kommen und gehen die Tage. Und die Erwartung bleibt bis zum letzten Tag, bis zur letzten Stunde... So wird es stets sein. “

In diesem Roman erzählt Tschingis Aitmatow von großen, kirgischen Mythen, von deren Symbolgehalt im Leben der Menschen, von den Auswirkungen der Globalisierung und des Kapitalismus in den Einzelschicksalen der Menschen aus Kirgisien.
Der Tanz ums goldene Kalb wird beschrieben, der Hunger nach Macht und Geld. Aber auch die Ausweglosigkeit der Situationen, denn die Menschen sind auf das Geld angewiesen. So ist es auch mit Aidana, Arsens großer Liebe. Sie ist Popstar und fährt Arsen in einer Limousine davon, auch, weil sie keine andere Wahl hat. Ihre Eltern sind arm und sind auf ihre Hilfe angewiesen... und auch Arsen muss Geld verdienen. Er ist auf seine Stelle als Journalist angewiesen. Doch dann wird er verstoßen und hat keinen Sinn mehr im Leben.
Seine Freunde, Taschtanafghan und die Treiber, sind so verzweifelt. Sie bekommen nichts von der Globalisierung und dem Gewinn ab, leben in schlimmster Armut, ihre Kinder können nicht studieren, sie haben noch nicht mal Telefone. Sie leben ausgesetzt in den kirgisischen Dörfern ohne einen Ausweg. Der einzige Ausweg aus der Situation erscheint in der Entführung der arabischen Prinzen, die zur Jagd nach Schneeleoparden in die kirgisische Heimat fliegen.

Aitmatow entführt uns in die Welt der Bergdörfer, der Ails, der Bahnstationen in denen der Zug irgendwann fährt, aber wann genau, das weiß niemand...
Aitmatows Schreibstil ist einzigartig und einfühlsam und lässt in allen kleinen Details und Situationen im Leben der Menschen erkennen, was ihr Schicksal ist und welche Ausweglosigkeit sie umgibt. Im kleinen erscheint das große und im großen das kleine.
Das Parallelschicksal vom Schneeleoparden und dem gescheiterten Journalisten trägt auch zu dieser einzigartigen Schreibweise bei und hilft, dass man sich in beide Schicksale gleichermaßen einfühlen kann.
Das Schicksal von Dschaa-Bars gleicht in vielfacher Weise dem von Arsen Samantschin. Beide haben ihre große Liebe verloren, beide sind in ihrem Leben gescheitert und stehen vor dem Abgrund.
Mensch und Natur sind unmittelbar miteinander verbunden.

Und auch die Geschichte der Ewigen Braut, einer Sage im Kirgischen, über das Scheitern einer Beziehung und als Mahnung an das Verantwortungsbewusstsein der Menschen, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch. Es ist Arsens Traum von einer Oper über die ewige Braut mit Aidana, seiner großen Liebe, in der Hauptrolle. Es ist die ewige Braut, die Aidana und Arsen in Heidelberg im Schlosspark zusammenführt. Es ist die ewige Braut die Elesa und Arsen miteinander verbindet. Und es ist die Ewige Braut die Arsen davon abhält, bei der Entführung der arabischen Prinzen mitzuwirken. Er erzählt ihnen die Geschichte der ewigen Braut und sieht ihre Rührung. Und es ist die ewige Braut mit der Elesa am Ende der Geschichte weinen wird.

Die verschiedenen Handlungsstränge, die Parallelgeschichte vom Leoparden und dem Journalisten, die Geschichte der ewigen Braut, die Suche nach Liebe und Erfüllung, das alles macht das Buch zeitlos. Und doch könnte es aktueller nicht sein, durch die Themen der Politik und Wirtschaft, westlichem Geschäftssinn, Globalisierung und deren Folgen, egal ob positiv oder negativ (in diesem Falle eher negativ).

Das Schicksal einer Vielzahl von Menschen wird beleuchtet. Und das Schicksal der Einzelpersonen kann sich auf Bevölkerungsgruppen auf der ganzen Welt übertragen. Sie stehen symbolisch für das Leben der Menschen auf der ganzen Welt in Hinsicht auf die Globalisierung.
Trotzdem ist es nicht oberflächlich. Die Schicksale der Menschen und auch des Schneeleoparden gehen in die Tiefe und berühren. +

Kein einfaches Buch, aber wert, gelesen zu werden.

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